Hier veröffentlichen wir Erfahrungsberichte und Gedanken von Betroffenen, ArbeitgeberInnen und professionellen HelferInnen

Ich war immer jemand, der einen strukturierten Tagesablauf hatte. Die Beschäftigungen liefen reibungslos ineinander über. Schule - Ausbildung - Arbeit - Selbstständigkeit. Verdient habe ich zwar nichts, aber dafür bin ich bei einem 14 Stunden Tag, drei Jobs und Druck von Ämtern komplett zusammengebrochen. Im Beruf zu stehen bedeutet, anerkannt zu werden, zur Gesellschaft dazuzugehören. Nach dem Zusammenbruch war das hinfällig. Verachtung statt Anerkennung, soziale Ausgrenzung statt Annahme.

Liegt man also auf dem Boden, dann tritt die Gesellschaft noch einmal ordentlich nach, anstatt eine helfende Hand zu reichen. Meine Vergangenheit spielte dazu noch eine große Rolle. Missbrauch, Mobbing, Depressionen, Selbsthass, Zwänge und so weiter. Also auch da habe ich gut in die Diagnosekiste gegriffen.

Es folgten einige Suizidversuche, Klinikaufenthalte, Betreuung. Den Kampf, den andere in mir ausgelöst hatten musste ich jedoch selbst zuende führen.

Aber... es lohnt sich!!!

Die meisten sagten soetwas wie: "die bekommt ihr Leben nie wieder hin".

Heute lebe ich ohne Hilfseinrichtungen und bin auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig. In einem Team was im Umgang unter sich sehr wertschätzend miteiander umgeht. Wo ich angenommen werde, auch wenn ich einmal an meine Grenzen kommen sollte. Und vor allem, wo ich jeden Morgen ohne Bauchschmerzen hinkomme und mich auf die Arbeit freue.

Ich glaube allerdings, dass es Menschen mit seelischen, körperlichen oder geistigen Handicaps sehr schwer fällt, Arbeit zu finden. Was überhaupt nichts mit der Problematik des einzelnen Menschen zu tun hat, sondern mit der unaufgeklärten Gesellschaft. Menschen mit Besonderheiten bringen einen ganz großen Schatz an Ressourcen mit, die jedes Unternehmen bereichern würde. Trotz alledem würde ich sagen, dass gar keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Handicap gibt. Jeder Mensch hat seine eigenen individuelle Behinderung. Ob es die seebehinderten Brillenträger sind, Menschen mit Rücken, Knie oder Schulterproblemen, jemand mit chronischer Bronchitis oder Hörgeräten. Menschen, die eher still und zurückhaltend sind oder sich gerne darstellen und präsentieren.

Ich verstehe nicht, dass Unterschiede gemacht werden.

Die meisten Firmen fürchten sich vor langen Krankheitsausfällen oder anderen Problemen, die auftreten können. Meine Erfahrungen sind anders, es fehlt an Aufklärung seitens der Arbeitgeber.

Ich hoffe sehr, dass die Menschen bald nicht mehr über Teilhabe und Inklusion lesen oder sprechen müssen, sondern dass diese in jeglicher Form gelebt wird.


Verfasserin Anonym, verfasst am 06.01.16




Aus dem Leben einer Burnout Betroffenen

Ich bin 49 Jahre alt, ein lebensbejahender und lustiger Mensch. Von Beruf bin ich Einzelhandelskauffrau und seit 15 Jahren arbeite ich „hinterm Frischetresen“ und verkaufe dort Fleisch, Wurst und Käse mit gutem Kontakt zu anderen Menschen.

Es fing mit Kleinigkeiten an, z.B. Müdigkeit, Vergesslichkeit und mir wurde auch sehr schnell kalt. Es nervte mich, wenn Kollegen mich ansprachen. Lustlosigkeit. Ich wurde stiller, nachdenklicher. Angesprochen wurde ich von einer Kollegin (stellvertretende Fillialleiterin). Ich gefalle ihr nicht mehr. „Mensch, geh‘ mal zum Arzt.“ Kunden sprachen mich auch an: „Sie sehen krank aus, alles OK?“

Auch Freunde um mich herum bemerkten meine Veränderung, sprachen mich darauf an. Die Diagnose stellten mein Hausarzt und meine Therapeutin. Als sie mir sagte, dass ich Depressionen/Burnout hätte, war ich sauer, erbost – Ich doch nicht. Doch nachdem ich mein Verhalten, das von meinen Freunden und 2 Kolleginnen beobachtet wurde, überdachte (dauerte eine Weile), musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte. Warum ich? Es gab Probleme auf der Arbeit – Ja… Nur mit der Unzufriedenheit auf der Arbeit hing es nicht zusammen. Es kommen viele Faktoren hinzu. Meine Eltern sind innerhalb von 2 Jahren verstorben, 2 Tanten und zuletzt ein guter Freund. Auf der Arbeit hieß es: „Reißen sie sich zusammen. Das gehört zum Leben dazu!“ Mag stimmen – aber ein „Tut mir Leid, können wir helfen?“ hätte mir geholfen. Hinzu kam, dass ich privat noch in meiner Partnerschaft Probleme hatte. Auch hier hieß es: „Es ist traurig und schade – aber es gehört nun mal zum Leben.“, „Wird wieder.“, „Bin im Moment nicht der gute Redner für dich.“, „Rede mit Freunden.“ und „Du hast ja deine Therapeutin.“… Ich hatte das Gefühl, jeder lässt mich im Stich, bin ganz alleine auf der Welt mit meinen Problemen.

Für mich zeichnet sich ein Burnout aus durch Überlastung. Der Körper erkrankt, man wird anfällig für jede Infektion (Grippe usw.). Man fühlt sich müde, ausgelaugt, traurig, „depressiv“, ist schnell aggressiv, man steht neben sich, schafft seine Arbeit nicht mehr. Kraftlos. Alleine. Hat das Gefühl, dass jeder einem etwas Böses möchte. „Keiner hat mich lieb.“ Ich muss die Welt alleine retten. Man hat auf einmal Krankheiten, die Andere auch haben. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Alles. Der Körper lässt einen im Stich.

Habe Hilfe vom Hausarzt bekommen. Habe Destiloges genommen, rein pflanzlich. Oder Johanneskraut, geht auch. Meine Therapeutin hat mir mit intensiven Gesprächen geholfen. Habe zeitgleich eine Reha eingereicht. Sie wurde zunächst abgelehnt. Man sollte eine Reha auf jeden Fall beantragen. Bei Ablehnung Widerspruch. Bei mir hat es ca. ein ¾-Jahr gedauert, bis ich zur Reha durfte. Dort wurde mir geholfen. Man ist auf meine Bedürfnisse eingegangen. Sport hat viel geholfen. Regelmäßige Aktivitäten und Gespräche, auch mit Betroffenen. Viel Ruhe.

Ob man einen Burnout überwindet, weiß ich nicht. Man kann ihn verarbeiten. Mir haben Arbeitsgruppen geholfen wie „Stressbewältigung“, „Arbeitsplatzkonflikte“, „Körperbewegungstherapie“ – Lösungsorientierte Arbeitsgruppen. Sich finden können, Hobbies wieder neu entdecken usw.

Es gab eine Wiedereingliederung. Sie fing 3 Wochen mit 3 Stunden an und dann 2 Wochen mit 4 Stunden. Es kommt darauf an, wie viele Stunden man pro Woche arbeitet. Danach normal. Wichtig ist es zu lernen, „NEIN“ zu sagen. Man muss auf seinen Körper, seine innere Stimme hören. Gelernt habe ich, „Nein“ zu sagen, Pausen einzulegen. Probleme gleich zu lösen. Habe meine persönliche Situation geändert. Gehe mit Freunden aus. Sehe die Welt und mich mit anderen Augen. Frage mich ab und zu: „Was will ich? Was tut mir gut? Passt es?“ Nehme mir öfter eine Auszeit. Genieße meine Freizeit. Habe Freizeit.

Für Personalverantwortliche kann ich nur raten: Sprecht die Kollegen an. Aber sehr vorsichtig. Etwas beobachten und dann nett darauf hinweisen. Gutes Arbeitsklima, gesunde Kommunikation helfen einem, es frühzeitig zu erkennen. Wichtig ist aber auch, den Betroffenen nicht als einen Aussetzigen zu behandeln. Burnout ist kein Virus oder Infektion. Es kommt schleichend, kaum merkbar für einen selber. Außenstehende bemerken schneller, wenn man sich verändert. Versteht der Vorgesetzte sich gut mit dem Betroffenen, dann sollte dieser auf ihn zugehen und mit ihm reden, Hilfe anbieten.


Verfasserin Anonym, verfasst am 11.01.16